In den privaten haushalten des ostens deutschlands findet sich noch heute ein kleidungsstück, das generationen überdauert hat und weit mehr verkörpert als bloße funktionalität. Die kittelschürze, oft liebevoll als dederon-kittel bezeichnet, war in der DDR ein alltäglicher begleiter unzähliger frauen. Dieses praktische kleidungsstück schützte die garderobe bei hausarbeit, gartenarbeit und handwerklichen tätigkeiten. Doch hinter diesem unscheinbaren textil verbirgt sich ein faszinierendes stück zeitgeschichte, das eng mit der sozialen und wirtschaftlichen realität der DDR verknüpft ist. Die kittelschürze spiegelt die lebensweise einer epoche wider, in der pragmatismus und sparsamkeit oberste priorität besaßen.
Die Geschichte der Kittelschürze in der DDR
Ursprünge und verbreitung
Die kittelschürze etablierte sich in der DDR bereits in den frühen 1950er jahren als unverzichtbares kleidungsstück im haushalt. Ihre wurzeln reichen jedoch weiter zurück in die traditionen der arbeiterklasse und des ländlichen raums, wo schützende überwürfe seit jeher zur grundausstattung gehörten. Im sozialistischen staat gewann sie jedoch eine besondere bedeutung, da sie perfekt zur ideologie der werktätigen frau passte, die sowohl im beruf als auch im haushalt ihren beitrag zur gesellschaft leistete.
Produktion und verfügbarkeit
Die herstellung von kittelschürzen erfolgte in volkseigenen betrieben, die textilien für den alltäglichen bedarf produzierten. Diese betriebe stellten sicher, dass das kleidungsstück flächendeckend verfügbar war und zu erschwinglichen preisen angeboten wurde. Die produktionsstandards waren klar definiert, was zu einer gewissen einheitlichkeit in design und qualität führte. Folgende merkmale prägten die produktion:
- Standardisierte schnittmuster für verschiedene größen
- Verwendung von synthetischen fasern aus eigener produktion
- Begrenzte farbauswahl entsprechend der verfügbaren rohstoffe
- Langlebigkeit als oberste priorität
Diese planwirtschaftliche herangehensweise sorgte dafür, dass die kittelschürze zu einem demokratischen kleidungsstück wurde, das unabhängig vom sozialen status in nahezu jedem haushalt zu finden war. Die standardisierung ermöglichte zudem eine effiziente massenproduktion, die den bedarf der bevölkerung decken konnte.
Ein Symbol des ostdeutschen Alltags
Praktischer nutzen im täglichen leben
Die kittelschürze war weit mehr als ein modisches accessoire. Sie erfüllte im alltag der DDR-bürgerinnen zahlreiche praktische funktionen, die sie unentbehrlich machten. Beim kochen schützte sie die kleidung vor spritzern und flecken, bei der gartenarbeit vor schmutz und feuchtigkeit. Auch beim putzen, waschen und anderen hausarbeiten erwies sie sich als zuverlässiger begleiter. Ihre großzügigen taschen boten platz für kleine utensilien, was die arbeit zusätzlich erleichterte.
Soziale dimension
Interessanterweise entwickelte sich die kittelschürze zu einem verbindenden element zwischen den generationen. Großmütter, mütter und töchter trugen gleichermaßen dieses kleidungsstück, wodurch eine gewisse kontinuität und tradition entstand. In der nachbarschaft war es völlig normal, sich gegenseitig in kittelschürzen zu besuchen oder gemeinsam hausarbeiten zu erledigen. Das kleidungsstück symbolisierte:
- Arbeitsbereitschaft und fleiß
- Praktischen sinn und sparsamkeit
- Zugehörigkeit zur gemeinschaft der werktätigen
- Bodenständigkeit und bescheidenheit
Diese soziale komponente machte die kittelschürze zu einem identitätsstiftenden element der ostdeutschen gesellschaft. Sie verkörperte werte, die im alltag der DDR hoch geschätzt wurden und die lebensrealität vieler frauen widerspiegelten.
Die charakteristischen Materialien und Muster
Dederon als hauptmaterial
Das material, das am häufigsten für kittelschürzen verwendet wurde, war dederon, eine in der DDR produzierte synthetikfaser. Der name setzte sich aus „DDR“ und „perlon“ zusammen und bezeichnete ein polyamid-gewebe, das in den chemiefaserwerken hergestellt wurde. Dederon zeichnete sich durch besondere eigenschaften aus, die es ideal für den einsatz in kittelschürzen machten:
| Eigenschaft | Vorteil |
|---|---|
| Reißfestigkeit | Hohe haltbarkeit bei intensiver nutzung |
| Pflegeleichtigkeit | Einfaches waschen und schnelles trocknen |
| Wasserabweisend | Schutz vor feuchtigkeit und nässe |
| Formbeständigkeit | Kein bügeln erforderlich |
Typische muster und farben
Die gestaltung der kittelschürzen folgte bestimmten ästhetischen konventionen, die charakteristisch für die DDR-textilproduktion waren. Besonders beliebt waren kleingemusterte designs mit floralen motiven, geometrischen formen oder abstrakten mustern. Die farbpalette umfasste vorwiegend:
- Pastelltöne wie hellblau, rosa und mint
- Kräftige farben wie rot, grün und orange
- Gedeckte töne wie braun, beige und grau
- Mehrfarbige drucke mit kontrastierenden elementen
Diese mustervielfalt ermöglichte trotz standardisierter produktion eine gewisse individualität. Frauen konnten ihre persönlichen vorlieben zum ausdruck bringen und ihre kittelschürzen nach geschmack auswählen, was dem kleidungsstück eine persönliche note verlieh.
Gebrauch und Entwicklung der Kittelschürze
Wandel der nutzungsgewohnheiten
Im laufe der jahrzehnte veränderte sich die art und weise, wie die kittelschürze getragen wurde. Während sie in den 1950er und 1960er jahren nahezu ausschließlich im häuslichen umfeld zum einsatz kam, erweiterte sich ihr verwendungsbereich später. In kleinbetrieben, kindergärten und anderen einrichtungen wurde sie ebenfalls zur arbeitskleidung. Diese entwicklung spiegelte die zunehmende erwerbstätigkeit von frauen in der DDR wider.
Pflege und instandhaltung
Die langlebigkeit der kittelschürze hing maßgeblich von der richtigen pflege ab. Die meisten modelle waren maschinenwaschbar und konnten bei höheren temperaturen gereinigt werden, was angesichts der intensiven nutzung wichtig war. Kleinere reparaturen wie das annähen von knöpfen oder das ausbessern von nähten wurden häufig selbst vorgenommen. Diese reparaturkultur war typisch für die DDR, wo ressourcenschonung nicht nur eine tugend, sondern eine notwendigkeit darstellte.
Weitergabe und wiederverwendung
Ein bemerkenswerter aspekt war die tradition, kittelschürzen innerhalb der familie weiterzugeben. Wenn ein exemplar nicht mehr den ansprüchen der besitzerin genügte, fand es oft bei verwandten oder nachbarn eine neue verwendung. Diese praxis der nachhaltigen nutzung war fest im alltag verankert und trug zur wertschätzung des kleidungsstücks bei.
Die Rolle der Kittelschürze in der Gesellschaft
Gleichheit und geschlechterrollen
Die kittelschürze verkörperte in gewisser weise die doppelbelastung der frau in der DDR. Während der staat die gleichberechtigung und berufstätigkeit von frauen förderte, blieb die hauptverantwortung für haushalt und familie weitgehend bei ihnen. Das kleidungsstück symbolisierte diese realität und war gleichzeitig ausdruck einer pragmatischen bewältigungsstrategie. Es ermöglichte frauen, ihre vielfältigen aufgaben effizient zu erfüllen, ohne dass die eigene kleidung darunter litt.
Kulturelle bedeutung
In der kollektiven erinnerung vieler ostdeutscher ist die kittelschürze fest verankert. Sie weckt nostalgische gefühle und wird mit der kindheit, dem elternhaus und einer bestimmten lebensweise assoziiert. Für viele menschen steht sie für:
- Geborgenheit und familiäre wärme
- Die fleißigen hände der mutter oder großmutter
- Eine zeit der einfachheit und überschaubarkeit
- Gemeinschaftssinn und nachbarschaftshilfe
Diese emotionale aufladung macht die kittelschürze zu einem identitätsstiftenden objekt, das über seine praktische funktion hinaus bedeutung trägt. In museen und ausstellungen zur DDR-alltagskultur findet sie daher regelmäßig ihren platz als authentisches zeugnis einer vergangenen epoche.
Die Kittelschürze heute: ein Comeback
Wiederentdeckung als retro-trend
In den letzten jahren erlebt die kittelschürze eine überraschende renaissance. Was lange als altmodisch galt, findet nun bei jüngeren generationen zunehmend anklang. Designer und kleine manufakturen greifen das konzept auf und interpretieren es neu. Dabei verbinden sie die praktischen vorzüge des originals mit modernen designs und hochwertigen materialien. Diese neuauflagen sprechen sowohl nostalgiker an, die sich an die DDR-zeit erinnern, als auch junge menschen, die das vintage-flair schätzen.
Nachhaltigkeit und bewusster konsum
Die rückbesinnung auf die kittelschürze passt perfekt zum aktuellen trend der nachhaltigkeit. Das kleidungsstück verkörpert werte wie langlebigkeit, reparierbarkeit und ressourcenschonung, die heute wieder an bedeutung gewinnen. In zeiten von fast fashion und wegwerfmentalität bietet die kittelschürze eine alternative philosophie des konsums. Sie erinnert daran, dass kleidung einen zweck erfüllen und lange halten kann, ohne ständig ersetzt werden zu müssen.
Moderne verwendung
Heute wird die kittelschürze nicht nur im haushalt getragen. Sie findet auch in kreativen berufen, in cafés mit vintage-konzept oder bei handwerklichen tätigkeiten verwendung. Ihre vielseitigkeit und der praktische nutzen überzeugen nach wie vor, während das nostalgische design einen zusätzlichen reiz ausübt.
Die kittelschürze hat sich als zeitloses kleidungsstück erwiesen, das verschiedene epochen überdauert. Von ihrer entstehung in der DDR über jahrzehnte treuer dienste bis hin zur heutigen wiederentdeckung verkörpert sie werte wie praktikabilität, sparsamkeit und nachhaltigkeit. Mehr als nur ein schutzkittel war und ist sie ein stück kulturelles erbe, das die lebensrealität und den alltag von millionen menschen geprägt hat. Ihre fortdauernde präsenz zeigt, dass gute ideen und durchdachte konzepte gesellschaftliche veränderungen überdauern können.



